Das Wort „Nachhaltigkeit“ wird oft ohne großes Nachdenken benutzt. Manchmal auch nur, um Produkte oder Dienstleistungen attraktiver klingen zu lassen. Das Gleiche passiert in der Architektur, Planung und im Design: Neben der bekannten ökologischen Nachhaltigkeit taucht immer öfter der Begriff „soziale Nachhaltigkeit“ auf. Ist das ein echtes Konzept – oder nur ein weiteres Buzzword?
Was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich?
Schauen wir uns zuerst an, was der Begriff Nachhaltigkeit überhaupt bedeutet.

Sind deine Augen gerade nur über diese Wörter geflogen, oder hast du sie wirklich gelesen? Komm schon, lass es uns nochmal versuchen, langsam und aufmerksam, bitte.
Nachhaltigkeit ist im Wortsinn, die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten. Also etwas über einen längeren Zeitraum am Leben zu halten. Und wie lange? Am besten für immer.
Säulen der Nachhaltigkeit
Einfach gesagt: Nachhaltige Praxis schafft Kreisläufe und Designs ohne negative Folgen. Folgen wofür? Nicht nur für die Umwelt, sondern auch für Gesellschaft und Wirtschaft. Zusammen ergeben diese die drei Säulen der Nachhaltigkeit “ESG” (environmental, social, governance) und zeigen, dass Nachhaltigkeit mehr ist als nur Ökologie.

Damit die gebaute Umwelt wirklich nachhaltig ist, muss sie nicht nur physisch stabil bleiben, sondern auch bei den Menschen „ankommen“, also langfristig funktionieren. Das gelingt, wenn Menschen zufrieden sind. Und damit sind wir bei:
SOZIALE NACHHALTIGKEIT
Wie hält man etwas innerhalb einer Gesellschaft langfristig am Leben? Idealerweise indem man versucht, möglichst alle zufriedenzustellen. Das heißt: alle Bedürfnisse, alle Fähigkeiten, alle Menschen mitdenken. Natürlich ohne dabei den Planeten zu vergessen.
Das kann bedeuten, sicherzustellen, dass alle gleich behandelt werden, sich sicher und willkommen fühlen, dass das Ergebnis inklusiv und verantwortungsvoll ist.
Indem alle einbezogen werden, können wir versuchen, die ganze Gesellschaft (und dadurch auch den Planeten) zufriedenzustellen.
Damit soziale Nachhaltigkeit in der gebauten Umwelt wirklich funktioniert, braucht es größere Veränderungen im System. Nutzer*innen und Planer*innen sollen gleichberechtigt mitreden können – dafür muss ihnen die Teilnahme aber überhaupt ermöglicht werden. Durch die Einführung sozial verantwortlicher Prozesse in neuen Projekten kann die Gesellschaft fair durch die gebaute Umwelt gestaltet werden. Und hält dadurch länger.

Die folgenden sind Prinzipien der sozialen Nachhaltigkeit, die auf die gebaute Umwelt anwendbar sind:
Soziale Gerechtigkeit
Wenn alle die gleiche Chance haben, Ressourcen, Dienstleistungen, Produkte und Räume zu nutzen und mitzugestalten, kann die Gesellschaft Ungleichheiten abbauen. Ein faires Umfeld entsteht zum Beispiel, wenn man auf städtischer Ebene die Beteiligung der Gemeinschaft fördert und Gentrifizierung entgegenwirkt. Aber das Prinzip der Gerechtigkeit steckt vor allem im Universal Design (auch Inclusive Design oder Design for All genannt): Es sorgt dafür, dass die Welt für alle zugänglich ist, egal welche Fähigkeiten ein Mensch hat. Universal Design schafft dabei UNIVERSELLE Lösungen, statt für jede Gruppe eine eigene.
Vielfalt und Inklusion
Eine vielfältige gebaute Umwelt zu schaffen heißt, für die Vielfalt von Menschen zu planen, aus der eine Gesellschaft besteht. Wer viele verschiedene Perspektiven mitdenkt, schafft Räume, in denen sich alle wohl und sicher fühlen. Das heißt auch: an Gruppen denken, die man vielleicht gar nicht als Nutzer*innen erwarten würde – die aber in Zukunft trotzdem dazukommen könnten. Inklusive Räume schaffen starke Gemeinschaften und mehr Bewusstsein für Vielfalt, Akzeptanz und Miteinander.
Demokratie und Beteiligung
Im Kern geht es bei sozialer Nachhaltigkeit darum, mit allen Nutzergruppen zusammenzuarbeiten und keine Annahmen über sie zu treffen. Wer die Stimmen aller einbezieht, unterstützt und ihnen zuhört, kommt einer Gemeinschaft näher, die wirklich alle vertritt. Demokratische Entscheidungen im Designprozess sorgen dafür, dass Minderheiten nicht untergehen und Räume für möglichst viele zugänglich sind. Das führt zu langfristiger und nachhaltiger Entwicklung.
Wohlbefinden und Lebensqualität
Design und Räume beeinflussen, wie es uns körperlich und mental geht. Eine gute Umgebung zu gestalten und dabei technisch mitzudenken, hält Menschen nicht nur gesund, sondern spart auch Kosten und schont die Umwelt. Damit sich alle wohlfühlen, braucht es Angebote: verschiedene Sitzmöglichkeiten, verschiedenes Licht, verschiedene Wege, sich durch den Raum zu bewegen. So kann jede*r die Umgebung an die eigenen Bedürfnisse anpassen.
Warum sollte uns das kümmern?
Kurz gesagt: Wer für Menschen gestaltet, muss auch den sozialen Aspekt mitdenken. Wir Menschen bauen schließlich für uns selbst. Wenn wir das sozial möglichst gut machen, entstehen langfristige Lösungen und wir müssen nicht ständig nachbessern oder umbauen. Das spart wertvolle Ressourcen.
Sich nur auf die Ökologie zu konzentrieren bringt nichts, wenn Menschen einen Raum aus emotionaler Unzufriedenheit gar nicht erst nutzen. Räume, die auf dem Papier perfekt aussehen, aber für Menschen nicht funktionieren, haben schlichtweg keine Zukunft. Lösungen zu finden, die wirklich in jeder Hinsicht nachhaltig sind, mag nicht einfach sein, ist aber der einzige Weg zur Rettung von Menschheit und Planet.

Wenn wir unsere eigene Gesellschaft mit unserer Arbeit nicht zufriedenstellen, wird es irgendwann zu spät sein, das noch zu korrigieren.
Damit das alles funktioniert, sind jedoch systemische Veränderungen notwendig, um den Fokus von dem, was wir als Gesellschaft betrachten – den Privilegierten, Reichen, aus Erste-Welt-Ländern, aber vor allem diejenigen mit der Möglichkeit, für ihre Rechte einzustehen – auf eine tatsächliche Gesellschaft zu verlagern, die auch aus Minderheiten, Benachteiligten und jenen besteht, denen die heutige Welt keine Stimme gibt. Die Privilegierten müssen einen Schritt zurücktreten und anhören, was der Rest der Welt zu sagen hat. Erst wenn diese Ungleichheit erkannt wird, können sozial nachhaltige Prozesse wirklich in Gang kommen.
Quellen:
https://medium.com/@alexia.dreau/most-people-dont-know-what-sustainability-is-do-you-9094ba00e36
https://www.un.org/development/desa/dspd/2030agenda-sdgs.html
https://www.un.org/en/climatechange/science/climate-issues/greenwashing
https://diversity.social/social-sustainability/
https://www.futurelearn.com/info/courses/sustainable-business/0/steps/78337
Dieser Text wurde erstmals auf build_shift in der längere Version auf English veröffentlicht: https://build-shift.com/blog/social-sustainability/